Barrierefreie Software – wer braucht denn so etwas?

Barrierefreie Software / barrierefreies InternetWir bewegen  uns heute ganz selbstverständlich in zwei Welten: der „Realen“ und der „Virtuellen“. Freunde treffen wir im Biergarten oder im Chatroom. Der Einkauf im Laden um die Ecke ist für uns genauso normal wie ganz bequem vom Sofa aus im Onlineshop. Was ist aber, wenn das alles nicht mehr so selbstverständlich ist?  Haben wir jemals darüber nachgedacht mit welchen Barrieren ein Mensch mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen tagtäglich zurecht kommen muss? Mit welchen Hindernissen müssen wir lernen umzugehen wenn wir erst zum „alten Eisen“ gehören. Und ich spreche jetzt von allen Barrieren die unsere Bewegungsfreiheit erschweren, also von Treppen und hohen Bordsteinen genauso wie zum Bespiel von zu kleinen Tasten, einer umständlichen Bedienung oder zu klein gedruckten Texten. Vieles davon findet man nicht nur in der „realen Welt“ sondern auch in der „virtuellen“.

Ein barrierefreies Internet kann allen zumindest in der „virtuellen“ Welt helfen sich ohne Barrieren zu bewegen. Aber wie muss man sich ein barrierefreies Internet vorstellen?

Studien und Statistiken

Laut diverser Studien ist die Onlinenutzung in Deutschland in den letzten Jahren auf über 75% gestiegen.

Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen sind laut einer Studie von Aktion Mensch überdurchschnittlich stark im Web aktiv. Demnach sind Menschen ohne Behinderung an etwa 5,1 Tagen pro Woche im Internet, bei Menschen mit einer Behinderung sind es rund 6,5 Tage pro Woche.

Laut Statistischem Bundesamt surfen ältere Menschen häufiger als noch vor ein paar Jahren. Bei den Personen von 55 bis 74 Jahren betrug der Anteil der Inter­net­nutzer­innen und -nutzer im Jahr 2014 67 %.

Diese Zahlen zeigen, dass der Bedarf an ein barrierefreies Internet kontinuierlich steigt.

Wie ist barrierefreie Software definiert?

Das Behindertengleichstellungsgesetz BGG definiert Barrierefreiheit in Bezug auf Software folgendermaßen: „Barrierefrei sind […] Systeme der Informationsverarbeitung, […] visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen […] wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“

Was bedeutet das im Bezug auf ein barrierefreies Internet?

Es sollte keine spezielle Version für Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen geben (z.B. reine Textversionen für Blinde). Zusätzliche Anforderungen an diese Menschen (z.B. die Installation weiterer Software) sollten nicht gestellt werden und eine Unterstützung durch eine zweite „gesunde“ Person sollte unnötig sein (z.B. durch Einführen von Captchas  mit zusätzlicher Vorlesefunktion).

Ob ein System die Kriterien für Barrierefreiheit erfüllt, wird u.a. durch entsprechende Prüfverfahren  im Rahmen eines Usability Tests überprüft.

Regeln für ein barrierefreies Internet

Die wesentlichen Regeln zur Barrierefreiheit im Internet stehen in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) des World Wide Web Consortium (W3C). Die WCAG 2.0 ist die aktuell gültige Version, die außerdem von der ISO und der IEC wortwörtlich übernommen wurde als ISO/IEC 40500.

WCAG2.0 – Die vier POUR-Prinzipien für ein barrierefreies Internet

POUR steht für “perceivable, operable, understandable, robust”, zu Deutsch “wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust”.

Damit sind folgende Prinzipien gemeint:

  • Wahrnehmbar (engl. perceivable) müssen Informationen den Benutzern präsentiert werden (z.B. Textalternativen für Bilder)
  • Bedienbar (engl. operable) sollen die Bestandteile der Benutzerschnittstelle und Navigation sein (z.B. keine schnell blinkenden Elemente, da diese epileptische Anfälle verursachen können)
  • Verständlich (engl. understandable) soll die Aufbereitung von Informationen und Bedienung erfolgen (z.B. bestimmte Felder sollten immer gleich aussehen und den gleichen Namen haben)
  • Robust (engl. robust) bedeutet dass das System eine große Auswahl an Browsern unterstützen soll

Fazit:

Barrierefreiheit schafft  eine Vorraussetzung für ein selbstständiges Leben ohne fremde Hilfe. Sie ermöglicht es allen Menschen, also auch Menschen mit jeder Form von körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Aus gesellschaftlicher Sicht ist es wünschenswert allen Menschen diese Möglichkeit zu geben. Aus Sicht der Systemhersteller bietet die Realisierung von barrierefreier Software, bzw. einem barrierefreiem Internet nicht nur ein Differenzierungsmerkmal sondern eröffnet auch den Zugang zu einem größeren Markt.

Leicht verständliche Texte, einstellbare Textgrößen und eine einfache Bedienung helfen nicht nur Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, sondern zum Beispiel auch jenen mit rudimentären Sprachkenntnissen oder Leseanfängern, also Menschen jeden Alters und jeden Bildungsstandes.

Und zum Schluss noch eine Statistik: Eine Umfrage der Europäischen Union hat gezeigt, dass 66% der EU-Bürger bereit wären mehr Geld für barrierefreie Produkte zu bezahlen. Für sie steht dabei die Eingliederung von Menschen mit Behinderung und älteren Menschen in die Gesellschaft im Vordergrund.

Eine Investition in einen Test auf Barrierefreiheit durch einen Experten zahlt sich also für einen Systemhersteller schnell wieder aus.

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3 thoughts on “Barrierefreie Software – wer braucht denn so etwas?

    • Hallo,
      auch wenn ich nicht behindert bin liegt mir das Thema Barrierefreiheit am Herzen. Meine Kollegen und ich achten bei unseren Tests stets auch auf die Usability und auf die damit verbundene Barrierefreiheit der von uns getesteten Software.

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