Wie Sie mit der Visions-Arbeit vorankommen (Teil 3): Die Cover-Story

Beispielhaft: Metapher auf dem Titel einer Cover StoryIm ersten Teil dieser Reihe habe ich gezeigt, aus welcher Haltung heraus wir Visions-Workshops durchführen. Im zweiten Teil habe ich gezeigt, wie wir mit Hilfe der „The Future, Backwards“-Methode ein Team dazu bringen, gemeinsam sowohl den Status quo als auch denkbare Zukünfte zu beschreiben. Dabei bilden die Teilnehmer Ketten aus Schlüsselereignissen und tauschen sich intensiv aus. Lesen Sie vor diesem Hintergrund nun im dritten und letzten Teil, wie man mit Hilfe der Gamestorming-Methode „Cover-Story“ ein gemeinsames Bild der Vision zeichnet.

Dass diese Artikelreihe aus drei Teilen besteht hat seinen Sinn. Sie folgen der Dramaturgie des Halbtages-Workshops, den wir für die Visionsarbeit anbieten. Zuerst bereiten wir den Boden mit einer kurzen Einführung, die auch eventuelle Zweifel der Teilnehmer adressiert (Teil 1). Danach öffnen wir den Blick für unterschiedliche Sichtweisen auf den Status quo, die Historie und denkbare Zukünfte (Teil 2). Und schließlich verdichten wir das Gesammelte in einem attraktiven, fiktiven Zeitschriften-Cover (Teil 3). Diese einfache Dramaturgie aus einer öffnenden und einer schließenden Bewegung liegt im Kern aller kreativen Prozesse. Im folgenden geht es nun um die Cover-Story-Methode als verdichtenden Teil eines kreativen Kleingruppen-Workshops.

Welche Ziele Sie ins Auge fassen können

Die Cover-Story-Methode ist immer dann besonders nützlich, wenn es ansteht, gemeinsam die allgemeine Vision eines Produktes, eines Services oder einer Team-Identität zu definieren. Dabei ist der Zugang visuell und metaphorisch, so dass sich auch komplexere Zusammenhänge kompakt darstellen lassen. Es bietet sich auch die Gelegenheit, die Cover-Story im Nachgang als professionell gestaltetes Plakat aufzuarbeiten. Dies kann dazu dienen, Lerneffekte über die Zeit zu retten.

Was Sie brauchen, um einen Cover Story-Workshop durchzuführen

  • Laden Sie eine Gruppe von Mitspielern ein, und teilen Sie diese in ein oder mehrere Teams mit jeweils drei bis fünf Teilnehmern.
  • Stellen Sie eine Gruppen-Arbeitsfläche pro Team bereit, so dass alle genug Platz haben, sich auszubreiten, und so dass die Teams sich nicht gegenseitig stören.
  • Bereiten Sie eine Moderationswand oder mit Papier beklebte Wandfläche pro Team vor. Darauf sollten schon große Bereiche für die Elemente der Cover-Story ausgezeichnet sein: Aufmacher, große Überschrift, Unter-Überschriften, wörtliche Zitate.
  • Legen Sie einen Stapel Zeitschriften mit hochwertigen, metaphorischen, großen Fotos auf jeden Team-Tisch (z. B. Brand Eins, Wired). Idealerweise sollte jeder Mitspieler zwei Stück zur Verfügung haben, wobei in jedem Team natürlich getauscht werden kann. Die Zeitschriften müssen nicht aktuell sein. Solange sie nicht älter als fünf Jahre sind, passt es in der Regel.
  • Halten Sie für jeden Mitspieler eine gute Papierschere bereit, mit dem er Fotos aus den Zeitschriften ausschneiden kann.
  • Legen Sie auf jedem Tisch einen Stapel großer Haftnotizen (20x15cm).
  • Geben Sie jedem Teilnehmer einen frischen schwarzen Marker.
  • Geben Sie jeder Gruppe mindestens einen wiederablösbaren Klebestift. Dieser dient dazu, die Foto-Ausrisse auf eine Kleingruppen-Wand zu bringen und sie dann später auf die gemeinsame Wand umzuhängen. Auf einer Moderationswand können Sie natürlich auch mit Reißzwecken oder Pin-Nadeln arbeiten, wenn Sie möchten.
  • Wenn es mehr als eine Gruppe gibt: Halten Sie für jeden Teilnehmer eine abgezählte Anzahl von Moderationspunkten bereit (drei bis vier je nach Variation, siehe unten).
  • Sollten im Vorfeld schon Personas erstellt worden sein, so hilft es, wenn diese ebenfalls mit im Raum sind. Bitte Sie einen Stellvertreter aus der Gesamtgruppe, die Persona-Plakate zu Beginn an die Wand zu hängen ggf. zu Beginn kurz einzuführen, damit die Teams später leichter darauf nehmen können.
  • Nehmen Sie sich mindestens 90 Minuten Zeit. Es können bei loser Moderation auch durchaus 100 bis 110 Minuten werden, daher lohnt es sich, ein wenig Puffer einzuplanen.
  • Sie brauchen einen Moderator im Raum, der den Prozess initiiert, ihn am Laufen hält und auf die Zeit acht gibt. Er kann zwei bis drei Gruppen anleiten. Er sollte idealerweise nicht selbst inhaltlich mitarbeiten – das wäre ein schlechter Kompromiss, denn es leiden Moderationsfähigkeit und inhaltlicher Input.

Wie es ablaufen kann

  • Einführung durch den Moderator: Es geht um eine Beschreibung, wie in der Zukunft über den Erfolg des Projektes/Produktes in der Sonderausgabe einer prestigeträchtigen Zeitschrift berichtet wird. Zur weiteren Motivation kann man noch in Aussicht stellen, dass der Anlass für die Berichterstattung ist, dass die Gruppe einen Preis gewonnen hat.
  • In Teams von jeweils vier bis fünf Personen aufteilen.
  • Aus den Zeitschriften Foto-Illustrationen als Aufmacher-Bild sammeln lassen. Pro Gruppe maximal drei Fotos an die Metaplanwand hängen lassen. Collagen sind okay, solange man sie unterscheiden kann und sie nicht ineinander übergehen.
  • In den Teams den Titel der Ausgabe auf großen Post-Its sammeln, ein bis zwei Alternativen erstellen und aufhängen.
  • In den Gruppen drei thematische Überschriften auf Post-Its sammeln, die das gesamte Thema gut umreißen und an die Arbeitsfläche hängen.
  • (Optional) In den Gruppen drei Zitate sammeln, die als Testimonials der Personas auf dem Titel zu sehen sein können. Diese ebenfalls an die Arbeitsfläche hängen.
  • Teamsprecher stellen ihre Cover-Story vor, so dass alle im Raum die Stories gehört haben.
  • Moderator oder Helfer fertigen ein Fotoprotokoll des Zwischenstandes an.
  • (Optional, bei mehreren parallelen Gruppen): Voting; jeder Teilnehmer hat je eine Klebepunkt-Stimme für ein Aufmacher-Bild, eine Hauptüberschrift und eine thematische Überschrift.
  • (Optional, bei mehreren parallelen Gruppen) Höchstbewertete Elemente zusammenhängen.
  • (Optional, bei mehreren parallelen Gruppen) Die Titelseite gemeinsam als Ganzes betrachten und gegebenenfalls noch modifizieren, wenn nun deutlich wird, dass z. B. ein wichtiges Thema ausgeklammert blieb. Der Moderator kann an dieser Stelle klärend nachfragen, wenn bestimmte Formulierungen oder grafische Darstellungen nicht unmittelbar deutlich werden.
  • Fotoprotokoll des Endergebnisses anfertigen.
  • Nach dem Workshop kann es helfen, das Ergebnis professionell zu layouten und mit einem lizensierten Foto zu versehen. Es ist manchmal schwierig, mit Stock-Fotos den richtigen Ton zu treffen. Es lohnt sich aber häufig, eine Cover-Story tatsächlich auch so aufzuarbeiten, dass sie als Kommunikationsmedium genutzt werden kann. Ein Beispiel für solch ein Endprodukt, das wir bei brightONE in der Produktdefinition verwendet haben, sehen sie hier:
CX co:lab-Cover Story Titel

Beispiel: Ausgestaltete Cover Story für ein Beratungs-Produkt

CX co:lab Cover Story Testimonials

Beispiel: Persona-Testimonials

 

 

 

Warum funktioniert die Cover-Story-Methode?

Das Ziel, eine Titelseite zu gestalten, ist für die Teilnehmer häufig motivierend und eine willkommene Abwechslung. Kommen die Teilnehmer aus einem wortlastigen und differenzierten Modul im gleichen Workshop, wie z. B. „The Future, Backwards“, so kann es helfen, über Bilder einen neuen Zugang zu schaffen und auf eine allgemeinere Ebene zu wechseln.

Die Cover-Story besitzt als Methode einen speziellen Dreh. Sie ist so strukturiert, dass der Nachrichtenwert für andere, also die fiktive Leserschaft, im Vordergrund steht. Nach einem Workshop-Modul, bei dem die Innensicht zählt, wie z. B. bei „The Future, Backwards“, kann es helfen, die Perspektive auf eine Außensicht zu verschieben.

Ich finde daher die Kombination aus einem öffnenden Modul wie „The Future, Backwards“ und einem wie hier gezeigt eher zuspitzenden Modul wie der Cover-Story sehr effektiv. Man kann – gutes Zeitmanagement vorausgesetzt – beides in einem Termin von ca. vier Stunden exklusive Pausen schaffen. Und damit hängt dann das Bild einer Vision an der Wand, auf das man sich immer wieder beziehen kann: Wenn es darum geht, Features & Funktionen in Software-Produkten zu priorisieren, wenn es darum geht, die Linie eines Vermarktungskonzeptes zu bestimmen, oder wenn ein Team sich seines inhaltlichen Kerns und Daseinszwecks rückversichern möchte.

Wenn Sie an die Quelle dieser Methode gehen möchten, finden Sie sicher Inspiration in dem Buch „Gamestorming: Ein Praxisbuch für Querdenker, Moderatoren und Innovatoren“ von Dave Gray, Sunni Brown, James Macanufo, sowie auf der Gamestorming-Website. Wenn Sie Fragen oder Anregungen haben wenden Sie sich gerne an mich unter sven [punkt] koerber [at] brightone [punkt] de oder hier in den Kommentaren.

Nie wieder einen Blogartikel verpassen >>> Zum Blog-Newsletter anmelden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zehn − sechs =