Shareconomy – das ist doch nur „der alte Affe Gier“ – eine Polemik

photo-1416339698674-4f118dd3388bJawohl, die schöne neue Welt ist in aller Munde: teilen statt selbst besitzen. Car Sharing, Couch Surfing, Bücher tauschen und, und, und. Das ist ressourcenschonend und soziale Kontakte gibt es in unserer an zwischenmenschlicher Wärme armen Welt noch dazu.

Kai Nörtemann hat die aktuelle Diskussion zum Thema Shareconomy aufgegriffen und eine Blogparade dazu gestartet, der ich folgende Polemik hinzufügen möchte.

Die Einkommens- und Vermögensschere öffnet sich

Ein Bestimmungsfaktor für den Konsum ist die Entwicklung der Einkommen und Vermögen. Seit einiger Zeit wird das Thema kontrovers in den Medien diskutiert, spätestens seit Thomas Piketty seine Studienergebnisse in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ veröffentlicht hat.

Es gibt eine kleine Minderheit sehr vermögender Familien, deren Vermögen seit 2008 trotz der Finanzkrise gewachsen ist. Dort ist die Frage „kaufen oder teilen“ vermutlich weniger relevant. Es fehlen eher die Möglichkeiten, das Kapital sinnstiftend, d. h. lukrativ anzulegen.

16% der deutschen Bevölkerung gelten offiziell als armutsgefährdet, d. h. sie haben weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. 25% der Bevölkerung haben gar kein Vermögen. Ihr Einkommen reicht nicht aus, um Ersparnisse zu bilden, Anschaffungen werden jahrelang mühsam abgestottert. Für diese Menschen könnte Teilen tatsächlich eine gute Möglichkeit sein, Güter zu nutzen ohne sie selbst zu erwerben.

Aber: Teilen setzt Eigentum voraus

Bevor ein Gut geteilt werden kann, muss es von jemandem gekauft worden sein. Ganz ohne Eigentum geht es also auch hier nicht. Damit sind die meisten Habenichtse in diesem Spiel im Nachteil. Denn für sie geht es um das tägliche Sattwerden und um den Mitgliedsbeitrag für den Sportverein der Kinder. Es fehlen die eigenen Mittel zur Gegenleistung. Und beim Nachbarn Werkzeug und dergleichen zu leihen funktioniert auch ohne Internet schon seit Jahrhunderten.

Meine Vermutung über das Wesen dieses Hypes ist eine andere:

Es ist „der alte Affe Gier“

Endlich können die Normalverdiener den eigenen Besitz statuserhöhend ausweiten, ohne das betreffende Gut selbst zu erwerben. Viele Dienstleistungen, die vorher vielleicht das Budget strapaziert hätten, können jetzt für kleines Geld im Internet gebucht werden. Die jeweilige, selbstverständlich kostenlos nutzbare Smartphone-App reicht aus.

Das ist DAS Spielfeld für die Schnäppchenjäger der „Geiz-ist-geil“ Kultur. Warum ein teures Hotel bezahlen, wenn ich über Airbnb kostenlos übernachten kann und die Stadtführung noch privat und individuell dazu bekomme? Ich bin doch nicht blöd.

Also: weitermachen wie bisher, nur für weniger Geld. Das Gefühl, ein guter Mensch und auch noch cool zu sein, gibt es ohne Verzicht und Änderungen der Lebensgewohnheiten obendrauf. Alles bestens.

Auch diese Medaille hat eine Kehrseite

Wenn ich meine Stadtfahrt mit Uber organisiere, kann der Taxifahrer nicht mithalten. Denn er braucht eine Konzession, einen Taxischein, ein speziell ausgerüstetes Auto und eine teure Versicherung. All das aus gutem Grund, denn Mitarbeiter und Fahrgäste sollen abgesichert sein. Der Abwehrkampf der traditionellen Taxi-Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell durch Uber bedroht sehen, ist in der Presse nachzulesen.

Wenn ich nun mit meinem netten Uber-Fahrer einen Unfall habe, ist er derjenige, der je nach Unfallhergang für die Folgekosten aufkommen muss. Ach, wird schon gutgehen und die Preise sind unschlagbar.

Der Betreiber ist da fein raus, er trägt kein Risiko. Die Einnahmen sind zwar gering, aber die Masse macht es und die breite Datenspur, die die Nutzer hinterlassen, lässt sich ja auch verwerten. Steuerforderungen des Staates? Kein Problem, die Server stehen irgendwo auf der Welt, wo das deutsche Steuersystem irrelevant ist.

Und damit kommen wir der Sache auf den Grund. Es ist vor allem ein schönes Geschäftsmodell. Endlich Geld verdienen ohne Verantwortung zu übernehmen. Und irgendwann wird der Laden von AppleGoogleFacebook zu einem Fantasiepreis gekauft.

There is no free lunch

Die alte Börsenweisheit gilt auch hier. Was die einen gewinnen, verlieren die anderen. Die Nutzer, die im Schadensfall nicht abgesichert sind, die Wettbewerber und ihre Mitarbeiter, die ihre Existenzgrundlage verlieren, der Staat, dem die Steuerbasis wegbricht. Aber so ist das halt und ist es auch immer gewesen. Taxifahrer sind die Hufschmiede von morgen. Die einen nennen es Fortschritt, die anderen Zynismus.

Meine Einschätzung ist: der Hype um die Shareconomy wird weitergehen und unsere Lebenswelt umkrempeln. Die Vorteile lassen die Nachteile unwichtig erscheinen. Denn Gier macht blind.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare. Hier im Blog oder auf Facebook.

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4 thoughts on “Shareconomy – das ist doch nur „der alte Affe Gier“ – eine Polemik

  1. Alle kennen heute den Preis von Dingen, aber nicht mehr ihren Wert.
    Alles muss billiger sein, aber immer das neueste Produkt, und dann im nächsten Jahr ausgetauscht werden. Und hierbei gewinnen nur sehr wenige, während viele verlieren.
    Bemerkenswert ist, dass es wirklich viele Menschen gibt, die das als Fortschritt ansehen. Durch das Instant-Shopping per App wird allen vorgegaukelt, Teil des Zeitgeists, der vernetzten Elite zu sein. Und kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich nichts bewegt, die sich Gesellschaft nicht entwickelt. Weder sind die angesprochenen Portale sozial, noch sind sie fair. Vor allem fördern sie nicht das miteinander. Wenn das ständige Mitteilen auf den sogenannten sozialen Netzwerken der Lebensmittelpunkt wird, wird es bald auch eine App geben müssen, um vom Nachbarn mal den rasenmäher auszuborgen.
    Sehr treffender Beitrag!

  2. Hallo Herr Stock,

    so ist Fortschritt heute definiert – bzw. das angestrebte wirtschaftliche Wachstum ist so möglich, prinzipiell. Wenn es sich genügend Menschen finanziell leisten können mitzumachen. Soziale Netzwerke haben meiner Meinung nach ihre Relevanz als politisches, kritisches Werkzeug. Muss man halt die Notwendigkeit dafür sehen und die Möglichkeiten nutzen.

    Vielleicht klappt es ja mit dem Nachbarn sogar besser per App! Sollte vielleicht eher eine Schlichtungs-App sein, wenn man sich die Situation an deutschen Gerichten anschaut – Rasenmäher ausleihen ist da Luxus 😉

    Vielen Dank für Ihren Kommentar!
    Kai Nörtemann

    Nachtrag – ein Zitat aus Shareconomy – die neue Einhegung des Teilens:

    „Das Teilen ist eine positiv-reziproke Handlung. Die involvierten Menschen beziehen einander wechselseitig ein. Alle haben etwas davon, und dennoch wird nicht getauscht, denn das, was sie davon haben, ist sehr vielfältig und unberechenbar. Im Kern geht es um die (Wieder-) Herstellung menschlichen Reichtums jenseits von Tausch und Geld. Tauschen hingegen ist negativ-reziprok strukturiert. Die einen wollen möglichst viel haben, die anderen möglichst wenig geben. Im Tausch werden die Menschen strukturell voneinander getrennt. […] Die Shareconomy, auch kollaborative Ökonomie genannt, macht aus Teilen wieder Tauschen. […] Ressourcen werden nicht mehr gemeinschaftlich genutzt, Teilen ist also keine soziale Handlung mehr, sondern der Eigentümer einer Ressource teilt diese auf in einen selbst zu nutzenden und einen vermietbaren Teil – physisch oder zeitlich. Teilen wird verdinglicht, ganz wie Marx es für den Warenfetisch beschriebt […] Die Ressource ist nicht mehr Mittel zur gemeinschaftlichen Bedürfnisbefriedigung, sondern ihr Zweck ist der Gelderwerb. Diesem fremden Zweck ist nun das Soziale als Mittel untergeordnet. Das Soziale wird kommodifiziert. […] Nur Teilen jenseits von Geld und Tausch ist echtes Teilen.

    • Das Teilen als solches zweifle ich gar nicht an. Lediglich der Weg dahin über das Web2.0. Es ist ein schöner Gedanke, dass soziale Netzwerke politisch und kritisch eingesetzt werden. Und das ist in Krisenregionen sicherlich der Fall (ohne dass ich das wirklich einzuschätzen vermag), aber in unserer sogenannten Wohlstandsgesellschaft ist aus meiner Sicht das Gegenteil der Fall: hier wird geteilt, welchen Film man gerade sieht, wo man was isst, welche Party öde ist und welchen Star man liked. Auch viele Volksvertreter dilettieren sich durch Twitter und Co. („Neuland“).
      Leider ist es hier wie in so vielen Bereichen: die Möglichkeiten bleiben ungenutzt, weil größtenteils unbekannt.

  3. Hallo Herr Stock,
    ich war geschäftlich unterwegs und komme erst heute dazu, zu antworten. Vielen Dank, dass Sie der Einladung zum Kommentieren gefolgt sind.
    Ich denke übrigens nicht, dass die die Möglichkeiten des Web 2.0 zum politischen Engagement hierzulande aufgrund von Unkenntnis ungenutzt bleiben. Wenn ich mein Umfeld betrachte, sehe ich sowohl Einverständnis mit der herrschenden Politik, aber auch Resignation und eine erstaunliche Unlust am Denken („lass‘ mir meine Ruhe“). Aber es sind ja auch Menschen politisch aktiv und kritisch, nur liest man davon halt wenig in der Zeitung.
    In SPON habe ich kürzlich ein Interview mit dem 85jährigen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt gelesen. Er wurde gefragt: „Glauben Sie, …, dass man Erfahrungen an jemanden weitergeben kann, die diese nie gemacht hat?“ Seine Antwort: „Nein, das ist unmöglich. … Jeder fängt bei Null an. Deswegen sitzen wir heute moralisch immer noch da, wo wir schon vor 5.000 Jahren standen.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen. (Link: http://www.spiegel.de/kultur/musik/lang-lang-und-nikolaus-harnoncourt-im-gespraech-a-1006641.html

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